Sowas von dicke hab ich ja Leute, die vor mir in der Schlange stehen, einen Cheeseburger („doppelt Cheddar bitte“) und eine zuckerfreie Cola bestellen.

Zu allem Überdruss sind das auch genau die Typen, denen es einen Disput mit der Dame hinter dem Tresen wert ist, ob es sich bei der Maschine um eine Marzocco Linea PB (schön ist die ja schon…) handelt, die aber die dilletantisch geschäumte Milch inklusive Espresso aus der ach so tollen Maschine (die auch nur durch fachgerechte Bedienung einen guten Kaffee zaubert) einfach nur kommentarlos ihren quasseligen Rachen hinunterkippen.

Ich muss nicht erwähnen, dass diese Typen ihre Jeans auch zu tief im Schritt haben und Nachfragen bezüglich ihrer Bestellung nicht eines Blickes würdigen, da ihre Aufmerksamkeit bereits völlig von einem Smartphone in Anspruch genommen wird, sobald sie ihre primäre Bedürfnisbefriedigung („Essen“) durch grunzende Laute („Bestellung“) gesichert zu haben meinen.

Uäääh….!

Es gibt so Songs, da wenn ich Regisseur wär…. da hätte ich schon längst alles im Kopf dazu, wie die Szene auszusehen hat.

Blick in den Rückspiegel, die Welt, die Straße, Felder, der Horizont zieht vorbei. Man hört die Geräusche des Motors, das Klackern des Blinkers.
Blick auf das Steuer, Tacho und die Landstraße. Man hört wie die Gänge eingelegt werden. Es ist eine fade, flache Landschaft, Winter oder später Herbst, auf jeden Fall kalt. Der Fahrer raucht, der Qualm wabert durchs Bild.
Der Blick wandert wieder zum Rückspiegel, zeigt den konzentrierten Blick des Fahrers. Lange lange den Blick, später Nahaufnahme.
Ein provisorischer Aschenbecher unterm Radio, in einem leeren Joghurtglasdeckel . Die Kippe wird zerdrückt, Glut und Qualm wehren sich. Der Motor wird leiser, wird ausgeschaltet. Im Bild immernoch die qualmende Kippe. Man hört wie der Fahrer den Schlüssel zieht, die Tür öffnet und zuknallt. Im Bild immernoch die qualmende Kippe.

Künstler haben von jeher des zeitweiligen Müßigganges bedurft, teils um neu Erworbenes sich klären und unbewußt Arbeitendes reif werden zu lassen, teils um in absichtsloser Hingabe sich immer wieder dem Natürlichen zunähern, wieder Kind zu werden, sich wieder als Freund und Bruder der Erde, der Pflanze, des Felsens und der Wolke zufühlen. Einerlei ob einer Bilder oder Verse dichtet oder nur sich selber bauen, dichten und schaffend genießen will, für jeden sind immer wieder die unvermeidlichen Pausen da. (Hesse: „Die Kunst des Müßiggangs“. S.17)

Für diese Wartezeiten gäbe es ja hundert schöne Zeitvertreiber, vor allem die Weiterbildung im Kennenlernen von Werken bedeutender Vorgänger und Zeitgenossen. Aber wenn du eine ungelöste dramatische Aufgabe wie einen Pfahl im Fleische mit dir herumträgst, ist es zumeist eine mißliche Sache, Shakespeare zu lesen, und wenn das erste Mißlingen eines Bildentwurfes dich plagt und elend macht, wird Tizian dich vermutlich wenig trösten. Namentlich junge Leute, deren Ideal der »denkende Künstler« ist, meinen nun, die der Kunst entzogene Zeit am besten aufs Denken zu verwenden und verrennen sich ohne Ziel und Nutzen in Grübeleien, skeptische Betrachtungen und andere Grillenfängereien. Andere, welche noch nicht dem auch unter Künstlern neuerdings erfolgreich werdenden heiligen Krieg wider den Alkohol beigetreten sind, finden den Weg zu Orten, woman einen Guten schenkt. Diese haben meine volle Sympathie, denn der Wein als Ausgleicher, Tröster, Besänftiger und Träumespender ist ein viel vornehmerer und schönerer Gott, als seine vielen Feinde uns neuestens glauben machen möchten. Aber er ist nicht für jedermann. Ihn künstlerisch und weise zu lieben und zu genießen und seine schmeichlerische Sprache in ihrer ganzen Zartheit zu verstehen, dazu muß einer so gut wie zu anderen Künsten von Natur begabt sein, und auch dann noch bedarf er der Schulung und wird, wo er nicht einer guten Tradition folgt, es selten zu einiger Vollkommenheit bringen. Und wäre er auch ein Auserwählter, so wird er doch gerade in den unfruchtbaren Zeiten, von denen wir reden, selten die zum wahren Kult eines Gottes notwendigen Denare in der Tasche haben.“ (ebd. 19 f.)

Jetzt weiß ich wenigstens auch, wo der Wolf Haas abgeschaut hat. Nur nebenbei bemerkt. Viel besser finde ich die Verknüpfung von Wein und Müßiggang, da bekommt der Begriff „Meditationswein“ eine ganz andere Note…

beschäftigte mich diese Tage in den unterschiedlichsten Formen – zum Beispiel jetzt. Eben sitze ich am Rechner, lausche dem Knacken des Feuers und vor kurzem noch sinnierte ich über den angemessenen Titel dieses Beitrags. Ich weiß, wirres Zeug. Ich fang nochmal von vorne an.

Letzten Dienstag, im Auto als Kurier auf dem Weg nach Landsberg am Lech ergreift eine Radiosendung meine Aufmerksamkeit: ein Vater von fünf Kindern diskutiert mit der Moderatorin über den Nutzen oder Sinn der Langeweile bei Kindern. Ich höre gespannt zu, man ist der Meinung, Langeweile evoziere Kreativität, aber zu viel Langeweile sei auch nicht gut, vielleicht müsse man ab einer gewissen Zeit einschreiten; eine Mutter wird hinzugeschaltet. Sie beruft sich auf ihre Kindheit in Brasilien, Kinder bräuchten konzentrierte Aufmerksamkeit um anschließend ihre Zeit alleine gestalten zu können. Ich wundere mich: nimmt denn niemand das Wort Müßiggang in den Mund??

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Dienstag Spätabend, ich komme Heim nach einigen wärmenden Stunden in der Sauna. Ich lege mich mit einer Wärmflasche ins Bett, die ersten Boten einer Blasenentzündung haben mir schon am frühen Abend gewunken. Aller Ankündigung zum Trotz hoffe ich schnell in tiefen Schlaf zu fallen und von Brennen und Krämpfen nichts mehr zu spüren. Tja, eine halbe Stunde Schlaf sei mir gegönnt, dann wird die Nacht zur endlosen Aneinanderreihung von Stunden, Minuten und Sekunden, von Glockenschlägen des Ulrich und von Gängen auf die Toilette, aber auch von Flaschen voll Wasser, die durch meinen Körper fließen als hätten sie versehentlich die richtige Ausfahrt verpasst. Ich habe neben dem Schmerz eine Menge Zeit. Zeit, die ich ursprünglich mit Schlafen verbringen wollte, Zeit zum Denken und Sinnieren.

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Heute, beim Ernten der dicken Äpfel vom Baum (andere Geschichte…), möchte die größere Tochter plötzlich ins Haus, ins Bett. Eigentlich leidenschaftlich gern draußen und mit Freude bei jeglicher Bewegung, da tritt sie plötzlich den Rückzug an. Kein Wunder, einige Zeit später wird klar, dass ihre Übelkeit etwas umfassender ist und seither hängt der kleine Zwerg krank herum und liegt mittlerweile mal mehr, mal weniger schlafend oder würgend im Bett.

Als ich Anfang der Woche noch den Erzählungen und Vorstellungen über Langeweile aus dem Radio lauschte, packte mich eine merkwürdige Wehmut. Die Erinnerung an die Zeit, in der ich als Kind damit beschäftigt war, mir eine Beschäftigung auszudenken. In der ich ins Träumen geriet oder die Realität färbte wie ein Bild aus einem Malbuch. Eine Zeit, in der „Zeit“ eine Konstante war. Oder zwar etwas wiederkehrend Existentes, jedoch nichts von scheuchendem, treibenden Charakter.

Langeweile ist etwas einsames, das war es für mich als Kind jedenfalls. Man ist mit sich allein, mit sich und dieser Masse an Zeit, und erst wenn man sich selbst eine gute Gesellschaft ist, vergeht die Zeit viel zu schnell.

Auch als ich krank auf dem Sofa lag, verwandelte sich diese Nacht in eine Ewigkeit, die erst spät erträglich wurde – Krank-Sein und Nicht-Schlafen-Können ist etwas unendlich Einsames, eigentlich die extremste Langeweile die es gibt. Man ist nicht nur der üblichen Beschäftigung entzogen, sondern muss sich aufgrund von Schmerzen oder anderen meist unangenehmen Symptomen völlig auf sich selbst konzentrieren. Zur Auseinandersetzung mit sich selbst gezwungen – der X-Wing Fighter im Fuhrpark der Langeweile. So oder so ähnlich hat es auch Hermann Hesse gesehen:

„Es hilft dir nichts, dich hin und her zu werfen, aufzustehen und dich wieder zu legen. Es ist eine von den Stunden, in denen du dir selbst auf keine Weise entrinnen kannst. Gedanken und Bewegungen des Gemüts und der Erinnerung werden in dir Herr, und du hast keine Gesellschaft, sie wie sonst totzureden.“ (S. 66, Die Kunst des Müßiggangs)

Aber nicht zuletzt hier denke ich wieder an dieses schöne deutsche Wort: Müßiggang, „das Aufsuchen der Muße, das entspannte und von Pflichten freie Ausleben“. Klar, im Zustand der Krankheit ist es nicht primär die Muße, die einem da begegnet. Oder nicht nur. Und doch wächst man irgendwie daran. Man ist herausgerissen aus dem Hamsterrad, die Relationen werden plötzlich umgeschmissen.

Und man fragt sich, wieso man das nicht auch mal ohne Schmerzen oder Kotzeritis macht. Einfach mal im Bett liegen und sinnieren. Zwischendurch mal an die Decke glotzen. Eine Unendlichkeit damit verbringen, etwas völlig Ineffektives zu tun (damit ist nicht der Haushalt gemeint).

Gedanken schweifen lassen. Zeit vertrödeln. Nase popeln. Maximal.

Rückzug. Einsamkeit. Ruhe.

 

Es lebe der Müßiggang!

Wenn der winterliche Novemberabend zu fade zu werden scheint, kann man dieses Schmuckstückchen hier sicher als Ass spielen: Denn entgegen seiner Ankündigung als „Pale Ale“ ist dieses dritte aus der obergärigen Reihe ganz und gar nicht blass. Als Dessert nach einem deftigen Essen oder statt/in Begleitung zu dem Sahnepudding schmeichelt das Pokerface mit viel weißbieriger Süße statt mit herbem Hopfengestopfe. Ein schokobraunes Sahnebonbon, das zwar chronologisch, aber sicherlich nicht geschmacklich das Schlusslicht der Legenda-Souvenirs bildet.

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Pokerface

Seit einem Jahr war ich nun nicht mehr in Ungarn. Seither hat sich dort die Craftbeermode nicht ebenso schnell, sondern scheinbar auch noch flächendeckender ausgebreitet als hierzulande. Grau und neblig war es in Budapest, schwermütig wie immer, doch so trist und verschlossen habe ich sie noch nicht erlebt. Vielleicht lag es auch an meinem eigenen Gemüt – womöglich hätte mir ein Bier aus derDSC_0093 Jónás Kézműves Sörház in dem sogenannten Wal, der „bálna,“ am Donauufer ungeahnte Kräfte eingeflößt. Darauf musste ich jedoch verzichten, da mich ein nachmittäglicher Stilltermin an unkontrolliertem Alkoholgenuss hinderte und leider außer den BrewDog – Spezialitäten aus Schottland keine Flaschenbiere aus Ungarn außer Haus verkauft wurden. DSC_0090Die Dame an der Theke informierte mich, dass die Flaschenabfüllung zwar in Planung, aber noch nicht in die Gänge gekommen sei. Daher wird dieses Bier und dieses Plätzchen mit dekadenter Aussicht wohl noch auf  mich warten müssen. Die Karte las sich auf jeden Fall schon interessant….DSC_0091

 

 

 

 

 

A bálna, der Wal, ist ein optischer Anziehungspunkt, architektonisch mal mindestens für den Laien interessant und als ehemalige Lagerfläche am Hafen auch historisch bedeutungstragend.Die Nähe zur großen Markthalle ist also damals wie heute praktisch – mittlerweile allerdings eher durch die Parkhausfunktion als durch die Erleichterung des Warentransports. Diese Nähe war ursprünglich auch tragend für die Idee, im Untergeschoß des Gebäudes einen Biomarkt zu veranstalten, wo Bauern aus der Umgebung in einem verlängertern Arm der Markthalle sozusagen ihre Waren anbieten können. Daraus ist (zumindest noch) nichts geworden.

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Auch sonst wirkt das Gebäude eher leer und verlassen – „Design ohne Grenzen“ versprechen Plakate, die wie Fahnen von der Decke hängen. Einfallslose bis völlig überteuerte Konsummöglichkeiten in Souvenirläden sowie leerstehende Ausstellungsflächen sind die Realität – mal vom Braulokal abgesehen.

Doch eine Einkaufsmöglichkeit hat mir immerhin mein erstes ungarisches Craftbeer-Erlebnis verschafft: im hintersten Eck im Untergeschoss eines zu dieser Zeit, als ich dort war, eigentlich geschlossenen Ladenraums fanden sich einige Craftbeerspezialitäten: Kézműves sörkülönlegességek, wie das auf dieser schönen Sprache heißt. Ich habe also den Kinderwagen randvoll gepackt und diese Woche wurden die ersten beiden aus der Dreierreihe der Budapester Legenda Brauerei verkostet:

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Das Jokerface mit dem IPA-üblichen fruchtig-blumigen Bukett, volle Nase und verspielt-vielseitig im Geschmack. Ein fröhliches, angenehm bitteres IPA, Bernstein-rötlich in der Farbe, lecker und rund.

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DSC_0022Und dann die Überraschung mit dem indischen Elefanten auf dem Etikett: Malz, Karamell und bitter dass es einem die Arschbacken zusammenzieht! Rauchig im Nachgeschmack, dunkelrot-braun in der Farbe. Ein Hammerteil, ein IPA wie üblich, aber zum Verkosten mit dem Jokerface reichlich gewagt – nach einem Schluck hatte ich Sorge die nächsten 2 Stunden nichts anderes mehr im Mundraum wahrnehmen zu können:

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DSC_0025Jetzt bin ich gespannt, was das Pokerface zu bieten hat… Bericht folgt.

Das Jokerface scheint im Übrigen auch sonst ein beliebtes Motiv in Ungarns Hauptstadt zu sein:

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Ich habe heute gehört, dass Kiefern unterirdisch schmusen. Also ihre Wurzeln miteinander verbinden und sich gegenseitig bei Versorgungsengpässen aushelfen.

Klasse, oder?

DSC_0020Ich bin platt. Seit etwa zwei Wochen hockt der Schleim im Kopf. Mal geht es besser, mal drückt es mir die Nebenhöhlen zu. Seit drei Tagen fehlt mir die Stimme und der Husten plagt mich. Nachts habe ich durch das Gerassel in Lunge und Rachen noch weniger Ruhe als sonst – seit L.s Geburt vor rund viereinhalb Monaten habe ich leider noch keine Nacht „durch“geschlafen, so wie ich das sonst zur Erholung tun würde.

Dafür habe ich gerade viel Sinn, Zeit und Lust zur Lektüre. B2 hat in einem kurzen Porträt meine Erinnerung an Wolfgang Herrndorf aufgefrischt, so kam er erneut auf meine Leseliste. Nachdem mich „tschick“ vollends begeisterte (ich habe es mittlerweile drei Mal verschenkt), habe ich als nächstes zu „Arbeit und Struktur“ gegriffen, sein als Buch veröffentlichtes Blog. Wenn einem die Todesangst und der Galgenhumor plötzlich aus den Seiten heraus entgegenspringt, fühlt man sich gleich etwas weniger schlecht. Diese Relativität des Wohlbefindens konstatiert er auch mehrfach, beispielsweise auf S. 23:

15.3.2010 14:00

Die anzugtragenden Türsteher oder Gäste vor dem BABALU halten Sektgläser auf Bauchhöhe und schauen stumpf gen Reinhardstraße. Da geht’s mir doch vergleichsweise gut.

Sprachlich zitiert er meines Erachtens mehrfach Wolf Haas (sehr prägnant auf S. 124 z.B.: „Mail an Cornelius: ‚Stabil Hilfsausdruck.'“), aber davon unabhängig ist es ein unfassbar leichtes und unterhaltendes Unterfangen, seine Sprache zu genießen. Das sind echte Schmankerl dabei, die einem wie weiche Butter ins Hirn gleiten. Dann direkt weiter ins Herz. Das ist das eigentliche Problem dieses Buches, glaube ich: Ich fange an, diesen Menschen wirklich zu mögen – was bei dem vorhersehbaren Ende der Lektüre sicher nicht ohne Wirkung bleibt: denn die Glockenkurve der Überlebenszeit mit einem Glioblastom schickt den Erzähler irgendwann ins Nirwana, in den dunkel schattierten Bereich, wie er das selbst oft genug darstellt. Diese Tragik wohnt der ganzen Handlung eigentlich inne: Dass dieser sympathische Mensch irgendwann aufhört zu erzählen.

Aber noch bin ich auf Seite 200 und denk‘ nicht ans Aufhören.

2.4.2010 8:00

‚Du wirst sterben.‘

‚Ja, aber noch nicht.‘

‚Ja, aber dann.‘

‚Interessiert mich nicht.‘

‚Aber, aber.‘

Der Komödienstadel führt sein tägliches Stück zum Weckerklingeln auf, fünf Sekunden später beendet der Intendant die Vorstellung. Work! (S.37 f.)

Neulich auf dem Kinderflohmarkt:

Meine Augen durchforsten die Stände, ich bin auf der Suche nach Stramplern für meine kleinere Tochter und für Hosen für meine größere.

– Hallo, suchen Sie etwas bestimmtes, eine bestimmte Größe vielleicht?

– Ja, Hosen ab 104 oder Strampler in Größe 68, Sie haben ja scheinbar eher kleine Sachen.

– Ja, ab 68 habe ich für beide was, Jungs und Mädchen. Was brauchen Sie denn (deutet auf den Zwerg bei mir im Tragetuch)?

– Sie ist ein Mädchen. (*irritiert*)

– Ja wissen sie, das kann man ja so nicht erkennen, deshalb frage ich. Wie heißt sie denn?

– Sie heißt Lea. Es muss aber auch nicht unbedingt rosa sein, sie können mir auch gern die Sachen für Jungs zeigen….

Das sind wohl Szenen und Momente, die einem regelmäßig widerfahren, insbesondere auf der Suche nach Kinderkleidung. Viele sind irritiert, wenn man sein Kind (das bislang wenig offensichtliche Geschlechtsmerkmale aufweist), nicht eindeutig mit einem Geschlecht „markiert“. Dann wird man, nach einem prüfenden Blick in den Kinderwagen auf der Suche nach „Blau“ oder „Hellrosa“, gefragt: Junge oder Mädchen? Anfangs gibt es wohl noch nicht so viel im Bereich Smalltalk, was man über den kleinen Erdenbürger an Rahmendaten berichten kann. Weder Beruf noch Karriere, noch Hobbies oder Gewohnheiten. Also Eckdaten abfragen.

Doch ich habe mich schon öfter gefragt, was man denn sagt, wenn weder das eine noch das andere zutrifft. Ich meine, es ist vergleichsweise unwahrscheinlich (Intersexualität in unterschiedlichsten Formen beziffert wikipedia mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:50 bis 1:5000, wobei transgender hier nicht erfasst werden), in so eine Situation zu geraten, aber passieren könnte es dennoch. Ich finde die Frage ja auch verständlich und nachvollziehbar, man hält sie für unverfänglich und versucht so dennoch, sein Interesse an dem neuen Menschen auf dieser Welt zu bekunden.

„Normal“?

Aber das kann eben auch nach hinten losgehen, wenn die „Normalkategorien“, die einem das Hirn so anbietet, nicht zutreffen. Diese überhaupt als „normale“ Kategorien zu bezeichnen ist schon schwierig: Klar könnte man sagen, dass die überwiegende Mehrheit, die einem im Alltag begegnet, die „Normalität“ ist – meint nichts anderes, als dass sich mein unbewusstes Denken und Handeln nicht jederzeit Grundsatzfragen stellen muss, sondern sich auf gewisse, übliche Annahmen verlassen kann.

Das erleichtert den Alltag ungemein: Ich könnte mir einen Kopf darüber machen, welcher Religion mein Gegenüber (z.B. die Bäckereifachverkäuferin, der Nachbar, die Mutter in der Kita, etc.) angehört, um ihn oder sie korrekt zu begrüßen, denn: gehe ich nicht eigentlich automatisch von einer der hiesigen Mehrheit in Bayern zuzurechnenden Person aus, die in der Regel katholisch ist, wenn ich „Grüß Gott“ sage? Ich denke nicht unbedingt, da ich ja eigentlich nur höflich meinen Mitmenschen grüßen und ihn oder sie nicht als unbedingt religionszugehörig, sondern als mir bekannt und deshalb als zu begrüßenden Menschen wahrnehme. Würde ich mich auf diese „Normalität“ nicht verlassen können und müsste ich alles immer hinterfragen, hätte ich Schwierigkeiten, mich im Alltag zurechtzufinden.

Empathie

Das heißt jedoch nicht, dass die angesprochene Person sich zwangsläufig mit meinem Willen und der Art der Ansprache bzw. dem Gesagten gerecht behandelt fühlen muss. Profx. Lann Hornscheidt wünscht sich beispielsweise explizit (gleich zwei Mal auf der Website) eine Ansprache, die x weder als Frau noch als Mann betitelt. Mit der AG „Feministisch Sprachhandeln“ hat Lann Hornscheidt einen Leitfaden zur Vermeidung zweigendernder Sprache herausgebracht. Darin findet man Vorschläge wie beispielsweise das oben angeführte „x“, das es erleichtern soll, die Geschlechterfrage in der Ansprache hintanzustellen. Darüber hinaus soll es einfach eine alternative Möglichkeit dazu darstellen, jemanden mit einem Geschlecht zu betiteln. Ähnliches gilt für den „dynamischen Unterstrich“, d_er de_n Les_ern zunächst einmal seltsam erscheint. Aber genau dieses Stolpern sorgt für ein Bewusstsein darüber, dass es nicht zwingend ein männlicher Leser (oder männlicher Unterstrich) sein muss, nur weil das grammatikalische Geschlecht, das im Text verwendet wurde, ein männliches ist, sondern das Geschlecht (welches auch immer) in den Hintergrund rückt.

Die Macht der Sprache

Viele werden den Kopf schütteln und es als befremdlich empfinden, die Sprache so umzukrempeln, dass man bei alltäglichen Situation plötzlich überlegen muss „Wo kommt der Unterstrich hin?“ oder „Nehme ich jetzt ein ‚x‘, um auszudrücken, dass……“. Klar ist es leichter, einfach so weiterzureden wie bisher, es möchte ja keiner die Sprache neu erfinden. Aber solche Vorschläge schaffen doch zumindest eine Sensibilisierung dafür, dass es womöglich eine Wirkmacht von Sprache gibt, die nicht nur in einer expliziten Aussage, sondern auch in einzelnen Formulierungen oder Betonungen in der Lage ist, andere Menschen zu diskriminieren. Denn natürlich könnte man sagen „Ich meine das ja gar nicht diskriminierend, ich nutze nur die üblichen sprachlichen Regeln“. Aber Sprache macht ja etwas aus, bewirkt etwas in unseren Köpfen und kann vielleicht diskriminierendem Handeln vorbeugen. Die Sensibilität ist hierfür noch viel zu gering, wie sich an prominenten Fällen, wie z.B. der Saalwette in Augsburg bei „Wetten dass…?“, sehr anschaulich erkennen lässt. Weiterhin wird ohnehin viel zu häufig argumentiert, dass man so etwas ja nie vergleichen könne, denn Rassismus sei ja viel schlimmer als Sexismus. Hierzu gibt es hier einen lesenswerten Blogbeitrag, der einige kluge Gedanken hierüber zusammenfasst.

Kurz vor meiner Reise in die Steiermark habe ich auch noch eine interessante Radiosendung auf Bayern2 hören dürfen, die eng mit diesem Thema verknüpft ist. Hierbei wurde u.a. der Verein Pinkstinks vorgestellt, der sich für alternative Rollenbilder stark macht. Darüber hinaus wurde dargestellt, wie sehr eigentlich die Wirtschaft von dieser Zweigenderung im Spielwarensegment und im Bereich der Kinderkleidung profitiert. Klar, gibt es doch heute nicht nur Ü-Eier, sondern auch noch spezielle Ü-Eier für Mädchen! Kinderkleidung ist spätestens ab Größe 74 eindeutig ‚eher männlich‘ oder ‚eher weiblich‘ und dass es Abenteuergeschichten speziell für Mädchen und speziell für Jungs gibt, daran haben wir uns leider auch schon gewöhnt. Dass Erziehung und Schule ja durch die früher übliche Geschlechtertrennung eigentlich auch geschlechtsspezifisch war, ist mir erst bei der Reflexion meiner Empörung hierüber aufgefallen:

Foto-3

Was soll das denn? Ich bin sicher kein Ass in der Pädagogik, aber mein laienhaftes Bauchgefühl sagt mir, dass es nicht gut sein kann, wenn ich mit Biegen und Brechen versuche, meine Kinder in eine Geschlechterrolle zu pressen, statt mit ihnen an der Hand reflektierend zu beobachten, dass es sehr wohl (schon biologisch betrachtet) männliche und weibliche Eigenschaften gibt, aber auch welche, die aufgrund der Historie beziehungsweise unserer Sozialisation und Akkulturation nur als solche gelten.

Deshalb finde ich sprachliche Abweichungen, auch wenn sie zunächst hässlich und ungelenk wirken, gut! Sie machen aufmerksam und geben Möglichkeit, die Normalitäten zu hinterfragen, die wir jeden Tag reproduzieren. Warum nicht mal anders, liebx Lesx? Es kann ja nicht jedx ein Buch schreiben, um einen dicken Tropfen auf den heißen Stein zu schieben :)

… des Jahres scheint uns eingeholt zu haben. Zumindest war das mein Gefühl heute morgen, als ich um 08:00 Uhr noch den Eindruck hatte, es dämmert doch gerade. Bleibt, sich zurückzuziehen und warme Lichter anzumachen, wärmende Speisen zu kochen, sowie die dicken Wollpullis mit Kragen auszupacken. Oder gemeinsam die ein oder andere wärmende Flasche zu leeren… DSC_0065