Neulich auf dem Kinderflohmarkt:
Meine Augen durchforsten die Stände, ich bin auf der Suche nach Stramplern für meine kleinere Tochter und für Hosen für meine größere.
– Hallo, suchen Sie etwas bestimmtes, eine bestimmte Größe vielleicht?
– Ja, Hosen ab 104 oder Strampler in Größe 68, Sie haben ja scheinbar eher kleine Sachen.
– Ja, ab 68 habe ich für beide was, Jungs und Mädchen. Was brauchen Sie denn (deutet auf den Zwerg bei mir im Tragetuch)?
– Sie ist ein Mädchen. (*irritiert*)
– Ja wissen sie, das kann man ja so nicht erkennen, deshalb frage ich. Wie heißt sie denn?
– Sie heißt Lea. Es muss aber auch nicht unbedingt rosa sein, sie können mir auch gern die Sachen für Jungs zeigen….
Das sind wohl Szenen und Momente, die einem regelmäßig widerfahren, insbesondere auf der Suche nach Kinderkleidung. Viele sind irritiert, wenn man sein Kind (das bislang wenig offensichtliche Geschlechtsmerkmale aufweist), nicht eindeutig mit einem Geschlecht „markiert“. Dann wird man, nach einem prüfenden Blick in den Kinderwagen auf der Suche nach „Blau“ oder „Hellrosa“, gefragt: Junge oder Mädchen? Anfangs gibt es wohl noch nicht so viel im Bereich Smalltalk, was man über den kleinen Erdenbürger an Rahmendaten berichten kann. Weder Beruf noch Karriere, noch Hobbies oder Gewohnheiten. Also Eckdaten abfragen.
Doch ich habe mich schon öfter gefragt, was man denn sagt, wenn weder das eine noch das andere zutrifft. Ich meine, es ist vergleichsweise unwahrscheinlich (Intersexualität in unterschiedlichsten Formen beziffert wikipedia mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:50 bis 1:5000, wobei transgender hier nicht erfasst werden), in so eine Situation zu geraten, aber passieren könnte es dennoch. Ich finde die Frage ja auch verständlich und nachvollziehbar, man hält sie für unverfänglich und versucht so dennoch, sein Interesse an dem neuen Menschen auf dieser Welt zu bekunden.
„Normal“?
Aber das kann eben auch nach hinten losgehen, wenn die „Normalkategorien“, die einem das Hirn so anbietet, nicht zutreffen. Diese überhaupt als „normale“ Kategorien zu bezeichnen ist schon schwierig: Klar könnte man sagen, dass die überwiegende Mehrheit, die einem im Alltag begegnet, die „Normalität“ ist – meint nichts anderes, als dass sich mein unbewusstes Denken und Handeln nicht jederzeit Grundsatzfragen stellen muss, sondern sich auf gewisse, übliche Annahmen verlassen kann.
Das erleichtert den Alltag ungemein: Ich könnte mir einen Kopf darüber machen, welcher Religion mein Gegenüber (z.B. die Bäckereifachverkäuferin, der Nachbar, die Mutter in der Kita, etc.) angehört, um ihn oder sie korrekt zu begrüßen, denn: gehe ich nicht eigentlich automatisch von einer der hiesigen Mehrheit in Bayern zuzurechnenden Person aus, die in der Regel katholisch ist, wenn ich „Grüß Gott“ sage? Ich denke nicht unbedingt, da ich ja eigentlich nur höflich meinen Mitmenschen grüßen und ihn oder sie nicht als unbedingt religionszugehörig, sondern als mir bekannt und deshalb als zu begrüßenden Menschen wahrnehme. Würde ich mich auf diese „Normalität“ nicht verlassen können und müsste ich alles immer hinterfragen, hätte ich Schwierigkeiten, mich im Alltag zurechtzufinden.
Empathie
Das heißt jedoch nicht, dass die angesprochene Person sich zwangsläufig mit meinem Willen und der Art der Ansprache bzw. dem Gesagten gerecht behandelt fühlen muss. Profx. Lann Hornscheidt wünscht sich beispielsweise explizit (gleich zwei Mal auf der Website) eine Ansprache, die x weder als Frau noch als Mann betitelt. Mit der AG „Feministisch Sprachhandeln“ hat Lann Hornscheidt einen Leitfaden zur Vermeidung zweigendernder Sprache herausgebracht. Darin findet man Vorschläge wie beispielsweise das oben angeführte „x“, das es erleichtern soll, die Geschlechterfrage in der Ansprache hintanzustellen. Darüber hinaus soll es einfach eine alternative Möglichkeit dazu darstellen, jemanden mit einem Geschlecht zu betiteln. Ähnliches gilt für den „dynamischen Unterstrich“, d_er de_n Les_ern zunächst einmal seltsam erscheint. Aber genau dieses Stolpern sorgt für ein Bewusstsein darüber, dass es nicht zwingend ein männlicher Leser (oder männlicher Unterstrich) sein muss, nur weil das grammatikalische Geschlecht, das im Text verwendet wurde, ein männliches ist, sondern das Geschlecht (welches auch immer) in den Hintergrund rückt.
Die Macht der Sprache
Viele werden den Kopf schütteln und es als befremdlich empfinden, die Sprache so umzukrempeln, dass man bei alltäglichen Situation plötzlich überlegen muss „Wo kommt der Unterstrich hin?“ oder „Nehme ich jetzt ein ‚x‘, um auszudrücken, dass……“. Klar ist es leichter, einfach so weiterzureden wie bisher, es möchte ja keiner die Sprache neu erfinden. Aber solche Vorschläge schaffen doch zumindest eine Sensibilisierung dafür, dass es womöglich eine Wirkmacht von Sprache gibt, die nicht nur in einer expliziten Aussage, sondern auch in einzelnen Formulierungen oder Betonungen in der Lage ist, andere Menschen zu diskriminieren. Denn natürlich könnte man sagen „Ich meine das ja gar nicht diskriminierend, ich nutze nur die üblichen sprachlichen Regeln“. Aber Sprache macht ja etwas aus, bewirkt etwas in unseren Köpfen und kann vielleicht diskriminierendem Handeln vorbeugen. Die Sensibilität ist hierfür noch viel zu gering, wie sich an prominenten Fällen, wie z.B. der Saalwette in Augsburg bei „Wetten dass…?“, sehr anschaulich erkennen lässt. Weiterhin wird ohnehin viel zu häufig argumentiert, dass man so etwas ja nie vergleichen könne, denn Rassismus sei ja viel schlimmer als Sexismus. Hierzu gibt es hier einen lesenswerten Blogbeitrag, der einige kluge Gedanken hierüber zusammenfasst.
Kurz vor meiner Reise in die Steiermark habe ich auch noch eine interessante Radiosendung auf Bayern2 hören dürfen, die eng mit diesem Thema verknüpft ist. Hierbei wurde u.a. der Verein Pinkstinks vorgestellt, der sich für alternative Rollenbilder stark macht. Darüber hinaus wurde dargestellt, wie sehr eigentlich die Wirtschaft von dieser Zweigenderung im Spielwarensegment und im Bereich der Kinderkleidung profitiert. Klar, gibt es doch heute nicht nur Ü-Eier, sondern auch noch spezielle Ü-Eier für Mädchen! Kinderkleidung ist spätestens ab Größe 74 eindeutig ‚eher männlich‘ oder ‚eher weiblich‘ und dass es Abenteuergeschichten speziell für Mädchen und speziell für Jungs gibt, daran haben wir uns leider auch schon gewöhnt. Dass Erziehung und Schule ja durch die früher übliche Geschlechtertrennung eigentlich auch geschlechtsspezifisch war, ist mir erst bei der Reflexion meiner Empörung hierüber aufgefallen:

Was soll das denn? Ich bin sicher kein Ass in der Pädagogik, aber mein laienhaftes Bauchgefühl sagt mir, dass es nicht gut sein kann, wenn ich mit Biegen und Brechen versuche, meine Kinder in eine Geschlechterrolle zu pressen, statt mit ihnen an der Hand reflektierend zu beobachten, dass es sehr wohl (schon biologisch betrachtet) männliche und weibliche Eigenschaften gibt, aber auch welche, die aufgrund der Historie beziehungsweise unserer Sozialisation und Akkulturation nur als solche gelten.
Deshalb finde ich sprachliche Abweichungen, auch wenn sie zunächst hässlich und ungelenk wirken, gut! Sie machen aufmerksam und geben Möglichkeit, die Normalitäten zu hinterfragen, die wir jeden Tag reproduzieren. Warum nicht mal anders, liebx Lesx? Es kann ja nicht jedx ein Buch schreiben, um einen dicken Tropfen auf den heißen Stein zu schieben :)